Volkswagen Magazin

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qualität in allen lagen.

Die Qualitätssicherung hat bei Volkswagen einen besonderen Stellenwert, ihr Chef spricht jede Woche mit dem Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn. 16‘100 Mitarbeiter weltweit arbeiten quer durch alle Bereiche daran, dass auf Probleme sofort Lösungen folgen – beziehungsweise die Probleme gar nicht erst auftreten.

Text Annekatrin Looss
Fotos Stefan Pielow / Agentur Focus (1), Nikolai Schmidt / d-foto (1), Andreas Hempel (1), Getty Images (2)
Martin Winterkorn testet fabrikneue Volkswagen fast überall auf der Welt persönlich – mehrmals pro Jahr.

Der Motor startet. Martin Winterkorn hört genau auf das Geräusch, tritt das Gaspedal, noch einmal, kräftiger, der Motor schafft sich eindrucksvoll Gehör, der Scirocco startet seine Fahrt, irgendwo im Nirgendwo.

Die Strasse ist frei, Winterkorn reisst das Lenkrad nach links, lässt es los und sieht zu, wie es sich in seine zentrale Position zurückdreht. „So muss es sein“, sagt er. Er schaltet in den dritten Gang, den vierten Gang. „Was war das für ein Geräusch?“ Er schaltet runter. Und rauf. „Was ist das? Dieses Rattern!“, fragt er Frank Tuch, Leiter der Qualitätssicherung. Der sitzt neben ihm und notiert jede Bemerkung des Vorstandsvorsitzenden.

Eine Konzernabnahmefahrt. So heisst das, wenn die Vorstände und rund 100 Techniker alle Merkmale der Fahrzeuge testen, die im kommenden halben Jahr in Serie gehen. 30 Fahrzeuge des Volkswagen Konzerns fahren Kolonne. Was auf diesen Fahrten kritisiert wird, muss verbessert werden. Vorher kommen die Modelle nicht auf den Markt. Winterkorn sitzt regelmässig selbst am Steuer der Testwagen.

Qualität ist Chefsache bei Volkswagen. Sie ist das wichtigste Kaufargument für die Kunden von Europas grösstem Autohersteller. Andere Konzerne haben einen Qualitätsvorstand. In Wolfsburg macht das der Vorsitzende selbst. „Jeder Montag ist Q-Tag“, sagt Frank Tuch, Leiter der Konzern-Qualitätssicherung. Das heisst, die Bereichsleiter der Qualitätssicherung konferieren über ihre aktuellen Themen. Jeden Montag trifft sich Tuch mit Winterkorn und trägt die besprochenen Themen in den Vorstand.

 

Tuch ist Chef der grössten Qualitätsorganisation der deutschen Industrie, vielleicht sogar der Welt. Mit 16‘100 Mitarbeitern und eigenem Logo ist der Bereich so etwas wie ein Konzern im Konzern. Ihr Einsatz fängt lange vor der Produktion eines neuen Fahrzeugs mit der Marktforschung an, bei der sie über relevante Fragen und das Studiendesign mitentscheiden. Und er hört lange danach auf. Dann, wenn das letzte Ersatzteil mit verbriefter Volkswagen Qualität ausgeliefert und der Service in den Vertragswerkstätten eingestellt wird. „End of Service“ heisst das in Fachsprache.

Die Mitarbeiter der Qualitätssicherung kennen den optimalen Füllstand des Kühlwassers für jedes einzelne Modell der zwölf Marken, die zum Konzern gehören. Sie prüfen Materialien, Motoren und Getriebe, sie optimieren Steckverbindungen, Klebefalze und Dichtungen und legen fest, wie die Autos vom Werk zum Händler transportiert werden. Sie kennen das richtige Weiss der Innenbeleuchtung, den optimalen Geruch des Cockpits und den richtigen Klang der Tür, wenn sie schliesst. Sie befragen Kunden nach ihrer Zufriedenheit und den Vertrieb nach möglichen Problemen. „Eigentlich gibt es keinen Bereich, an dem wir nicht beteiligt sind“, sagt Tuch.

 

Und natürlich fährt die Qualitätssicherung alle Fahrzeuge Probe. Sobald die Technische Entwicklung die Fahrzeuge an die Qualitätssicherung übergeben hat und sie zum Serienbau freigegeben werden sollen, werden die Autos in sogenannten Qualitätsabsicherungsfahrten getestet. Und zwar an 21 Stationen weltweit – von Südafrika bis Russland. Während die Fahrzeuge etwa im Norden Skandinaviens bei extremer Kälte und in tiefem Schnee bestehen müssen, liegt der Fokus in Indien auf den monsunartigen Regenfällen und damit der Menge an Wasser, die die Scheibenwischer und andere Bauteile aushalten müssen. In Südafrika dagegen kriecht statt Feuchte ein feiner Staub in jedes Bauteil. Allen denkbaren Variablen gehen die Qualitätssicherer auf den Grund. Pro Jahr kommen so weltweit auf allen Stationen mehr als 36 Millionen gefahrene Kilometer zusammen, das entspricht fast 1‘000 Erdumrundungen.

» Eigentlich gibt es keinen Bereich, an dem wir nicht beteiligt sind. «

Die Qualitätssicherung hilft überall mit, dass jeder Volkswagen rundläuft – hier wird ein Phaeton in der Dresdner Gläsernen Manufaktur in einem Lichttunnel getestet.

» Unsere Fahrzeuge müssen so robust sein, dass sie mit extremen Bedingungen zurecht­kommen. «

„Egal ob Schnee, Hitze, Regen oder Staub. Unsere Fahrzeuge müssen so robust sein, dass sie mit extremen Bedingungen zurechtkommen“, sagt Tuch. „Mehr als die Hälfte der Fahrzeuge verkaufen und bauen wir ausserhalb Europas.“ Martin Winterkorn hat fabrikneue Fahrzeuge schon fast überall auf der Welt getestet – in den Savannen Afrikas, im Regen Indiens oder im Schnee Skandinaviens. Bei etwa jährlich 20 dieser Testfahrten sitzen die Vorstände am Steuer. Jede Bemerkung, jede Notiz, jedes Problem wird so lange bearbeitet, bis eine Lösung gefunden wird, welche die Chefetage zufriedenstellt.

Nicht zuletzt sind die Qualitätssicherer bei Volkswagen als Fahnder unterwegs. Zum Beispiel im Rahmen des „Liegenbleiber“-Programms in Deutschland. Das greift, wenn ein Fahrzeug während des Garantiezeitraums ohne erkennbaren Grund nicht weiterfährt. Ein Team aus Vertrieb, Qualitätssicherung und Entwicklung sucht dann den Fehler – so lange, bis er behoben ist. Ohne detektivische Neugier und Spürsinn käme man wohl nicht darauf, dass ein Sharan liegenblieb, weil der Lieferant des Ladedruckluftschlauchs jedes Wochenende seine Maschinen reinigt. Und zwar mit einem Mittel, dessen Rückstände das Material der Schläuche angreift, sodass die ersten Schläuche, die am Montagmorgen produziert werden, unbrauchbar sind.

» Wir sind nicht die Männer in den grauen Kitteln, die nur auf die Fehler zeigen. «

Eines ist Tuch wichtig: „Wir sind nicht die Männer in den grauen Kitteln, die nur auf die Fehler zeigen.“ Seine Mitarbeiter haben eher die Lösung im Blick als das Problem. Es gilt das Vier-Augen-Prinzip. Egal ob Entwicklung, Produktion oder Service, ob China, Deutschland oder Brasilien – neben dem Qualitätssicherer schaut immer ein Mitarbeiter vor Ort auf die Fahrzeuge. Der Konzern ist stolz auf die globale Vernetzung seiner Beschäftigten und die Lösungen, die sie gemeinsam finden.

 

Beispiel Indien: Die Frage, warum die Hupen der Konzern-Fabrikate dort nach kurzer Zeit ausfielen, beschäftigte die Wolfsburger. Gemeinsam mit den Technikern in Indien fand Tuchs Team heraus, dass Inder ihre Hupe im Strassenverkehr viel häufiger benutzen als etwa Europäer oder Amerikaner. Hinzu kamen die klimatischen Einflüsse. Heute ist der in Indien produzierte Polo mit einer Hupe ausgestattet, die problemlos mehr als 500‘000 Mal benutzt werden kann.